Irgendwie leben wir ja schon in goldenen Zeiten: Niemand wird mehr gefeuert, sondern bloß der Personalbestand optimiert. Weil es allen auch sonst supergut geht, gibt es keine Krankenversicherungen mehr, sondern Gesundheitskassen und dass die Kostenübernahme fürs Gebiss nicht mehr im Leistungskatalog steht: geschenkt, es gibt ja zum Glück noch die dritten Zähne. Auch in der Gastronomie wird allzu oft mit Worten geblendet: Drei-Gang-Menü klingt besser als Vorspeise-Hauptgericht-Nachtisch. Roux weltmännischer als Mehlschwitze. Und Fast-Food-Ketten sind neuerdings Hamburger-Restaurants. Leider wollen viele Gäste womöglich genau das: „Die Welt will betrogen sein“, soll Papst Paul IV einmal gesagt haben. Dabei lieben die meisten Köche ehrliche Klarheit sowohl bei den Zutaten als auch auf der Speisekarte. Doch versuchen Sie mal den Hipstern in Berlin-Mitte ein Gericht mit Grünkohl zu verkaufen. Hoffnungslos – schließlich führt Grünkohl in direkter Linie zur Grünkohlwanderung als Inbegriff der Piefigkeit: Mit einem Bollerwagen voll Bier und Korn durch den Wald marschieren – das Schnapsglas an der Kordel um den Hals – die sich später im „Zur schönen Aussicht“ oder im „Deutschen Haus“ ordentlich Bregenwurst und Pinkel gönnen. Ein neues Bild vom Grünkohl lässt sich der Soja-Latte-und-Apple-Notebook-Fraktion nur schwer vermitteln. Dabei unterliegen diese einem Irrtum: Ebenso wenig wie die Kartoffel ist der Grünkohl ein urdeutsches Gemüse. Tatsächlich schaffte er es erst im 16. Jahrhundert von der Mittelmeerküste in den Norden. Ursprünglich kultiviert haben ihn die Griechen im 3. Jahrhundert vor Christus. Auch die stets lukullisch tafelnden Römer schätzten den Kohl in gleichem Maße wie gebratenen Flamingo oder Siebenschläfer am Spieß. Gut möglich, dass sich die antiken Gourmets auch den gesundheitsfördernden Aspekten des grünen Gemüses bewusst waren: Tatsächlich enthält er jede Menge Mineral- und Ballaststoffe, wichtige Antioxidantien und neben dem Vitamin E und K auch Vitamin C in einer Menge, die schon bei 100 Gramm Kohl dem empfohlenen Tagesbedarf entspricht. Den Cholesterinspiegel senken kann er obendrein auch noch. Weil das auch für den Hipster gut ist, greifen wir Köche zu einem Trick: Statt Grünkohl schreiben wir einfach die englische Bezeichnung „Kale“ auf die Karte; und servieren ihn als Smoothie oder auch als Gemüsebeilage zu einem veganen Linsencurry mit Cashewnüssen, dessen Rezept ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Ich verspreche Ihnen: So raffiniert haben Sie Grünkohl noch nie gegessen. Ungelogen.

Veganes Kale-Linsencurry

Zutaten:
300 g gehackter Grünkohl
250 g Möhren
150 g rote Linsen
500 ml Gemüsebrühe
400 g Kokosmilch
50 g Rosinen
50 g Cashewnüsse
2 Zwiebeln
2 Knoblauchzehen
2 EL Pflanzenöl
1-2 EL gelbe Currypaste
Meersalz
Pfeffer
Chiliflocken
Ein Spritzer Zitronensaft

Zubereitung:
Die Möhren putzen, schälen und in Scheiben schneiden. Die Zwiebeln und Knoblauchzehen schälen und in feine Würfel schneiden. In einem Topf das Pflanzenöl erhitzen und die Zwiebeln und den Knoblauch darin glasig anschwitzen. Die gelbe Currypaste unterrühren. Nun die roten Linsen, die Möhren und die Gemüsebrühe hinzufügen und aufkochen. Alles 10 Minuten köcheln lassen. Den gehackten Grünkohl, die Kokosmilch und die Rosinen dazugeben und weitere 15 Minuten köcheln lassen, bis die Linsen weich sind und die Soße sämig ist. In der Zwischenzeit etwa die Cashewnüsse grob hacken und in einer Pfanne ohne Fett goldbraun rösten. Falls das Curry zu kompakt ist, noch etwas Gemüsebrühe unterrühren. Ist es zu flüssig, einige Minuten offen einkochen lassen. Das Curry mit Meersalz, Pfeffer oder Chiliflocken und einem Spritzer Zitronensaft würzen und mit den Cashewnüssen bestreuen.

von Jörn Finkenbrink

Küchenchef, Wildfrisch & Oberglücklich

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